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Düsseldorf/Hamminkeln, 8.
April 2026 - Mal fehlen Fiebersäfte, an anderen
Tagen bestimmte Antibiotika. Seit der
Corona-Pandemie treten immer wieder vermehrt
Lieferengpässe von Arzneimitteln auf. Woran das
liegt, erklärt Kathrin Luboldt, Vizepräsidentin der
Apothekerkammer Nordrhein.

Frau Luboldt, Sie sind selbst Inhaberin der
Damian-Apotheke in Dinslaken. Wie präsent ist
das Thema Lieferengpässe in Ihrem Alltag?
Luboldt: Leider sehr präsent. Es vergeht kein Tag,
an dem wir nicht mehrmals mit Lieferengpässen zu tun
haben. Das betrifft längst nicht mehr nur seltene
Präparate, sondern auch Standardmedikamente wie
Schilddrüsenpräparate, Blutdruckpräparate und
Psychopharmaka. Für die Apotheken vor Ort bedeutet
das einen enormen Mehraufwand, und für die
Patientinnen und Patienten oft Unsicherheit und
Wartezeit bis Alternativen gefunden und abgeklärt
werden können.
Woran liegt das? Viele
Menschen verstehen nicht, warum ein so wohlhabendes
Land wie Deutschland nicht ausreichend Medikamente
bekommt. Luboldt: Die Ursachen sind komplex.
Ein zentraler Punkt ist die globale Abhängigkeit von
wenigen Produktionsstandorten, vor allem in Asien.
Wenn dort eine Fabrik ausfällt oder politische
Spannungen entstehen, spüren wir das sofort. Zudem
gibt es logistische Probleme, etwa wenn Rohstoffe
knapp werden oder Transportwege gestört sind. Daher
kann auch der Krieg im Iran zu neuen Lieferengpässen
führen.
Hängt es nur an der
Globalisierung? Luboldt: Nein, es kommen
auch hausgemachte Gründe dazu. Für viele
Arzneimittel, die keinen Patentschutz mehr besitzen,
schließen Krankenkassen seit vielen Jahren mit den
günstigsten Anbietern Rabattverträge ab. Das sind
meistens Firmen aus Asien. Deutsche Hersteller
können bei diesem Preisdumping nicht mehr mithalten.
Für sie lohnt sich die Produktion nicht mehr. Und
mit den Jahren werden hierzulande immer mehr
Fabriken geschlossen. Ebenso führen die
Dumpingpreise in Deutschland dazu, dass die
Hersteller ihre Arzneimittel lieber in andere
europäische Länder verkaufen.
Können Sie
hierfür ein Bespiel nennen? Luboldt: Als in
Deutschland die Fiebersäfte für Kinder knapp waren,
gab es zum Beispiel in Tschechien ein ausreichendes
Angebot. Die Hersteller haben dort einfach mehr Geld
für ihre Medikamente bekommen. Wir müssen uns in
Deutschland einfach fragen, wie viel wir für
Arzneimittel bezahlen wollen. Wenn in Deutschland
eine Packung Antibiotika gerade mal so viel wie ein
Kaugummi kostet, darf man sich nicht wundern, wenn
hier zu wenig davon ankommt.
Wie
reagieren Ihre Patientinnen und Patienten darauf?
Luboldt: Die meisten sind verständnisvoll, aber
natürlich frustriert. Besonders schwierig ist es bei
Eltern, deren Kinder dringend ein Medikament
benötigen oder bei chronisch kranken Menschen, die
auf ein bestimmtes Präparat eingestellt sind. Wir
versuchen dann, Alternativen zu finden, aber das ist
nicht immer einfach.
Wie viel zusätzliche
Arbeit entsteht dadurch für Ihr Team?
Luboldt: Sehr viel. Wir telefonieren täglich mit
Arztpraxen, um Ersatzpräparate abzustimmen. In
manchen Fällen, wenn Praxen telefonisch schlecht zu
erreichen sind und der Patient selbst eingeschränkt
ist, müssen wir sogar einen Boten dorthin schicken.
Außerdem prüfen wir Verfügbarkeiten bei
Großhändlern, dokumentieren Ausnahmen und beraten
Patientinnen und Patienten intensiver. Das kostet
Zeit, die uns an anderer Stelle fehlt. Viele
Kolleginnen und Kollegen empfinden das als enorme
Belastung. Und der zusätzliche Aufwand wird zudem
finanziell nicht ausreichend honoriert. Die
Apotheken vor Ort zahlen bei jedem Lieferengpass
drauf.
Was müsste sich aus Ihrer Sicht
ändern, damit sich die Lage verbessert?
Luboldt: Wir brauchen eine breitere Produktion in
Europa, auch wenn das teurer ist. Außerdem sollten
wirtschaftliche Anreize geschaffen werden, damit
Hersteller wichtige Medikamente nicht aus dem
Sortiment nehmen. Und wir Apotheken brauchen mehr
Handlungsspielraum, um bei Engpässen schneller auf
Alternativen ausweichen zu können, ohne jedes Mal
bürokratische Hürden zu überwinden.
Was
können Patientinnen und Patienten tun?
Luboldt: Vor allem chronisch Kranke können
vorbeugende Maßnahmen treffen. Viele benötigen immer
wieder die gleichen Medikamente. Wenn sie merken,
dass sie zur Neige gehen, empfehle ich, nicht bis
zur letzten Tablette zu warten, sondern sich bereits
zwei Wochen vorher das Rezept zu besorgen. Mit dem
ausreichenden Vorlauf können die Apotheken vor Ort
die Patientinnen und Patienten in der Regel immer
ausreichend versorgen.
Haben Sie das
Gefühl, dass die Politik das Problem ernst genug
nimmt? Luboldt: Es gibt Bewegung, aber
vieles geht zu langsam. Lieferengpässe sind kein
kurzfristiges Phänomen, sondern ein strukturelles
Problem. Wenn wir nicht grundlegend umdenken, wird
sich die Situation weiter verschärfen.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Luboldt: Dass wir wieder verlässlich versorgen
können. Für uns ist es ein Kern unseres Berufs,
Menschen zu helfen. Wenn wir ihnen sagen müssen: „Es
tut mir leid, das Medikament ist nicht lieferbar“,
ist das frustrierend. Ich hoffe, dass wir bald
wieder mehr Stabilität im System haben.
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